Autor: Prof. Dr. Rolf J. Eichhorn
Berufliche Bildung wird häufig in der Sprache der Arbeitsmärkte diskutiert: Fachkräftemangel, Beschäftigungsfähigkeit, Produktivität und wirtschaftliche Nachfrage. All das ist relevant. Doch es beschreibt nur einen Teil ihres Wertes.
Ein Land braucht Menschen, die berufliche Aufgaben kompetent erfüllen können. Unternehmen brauchen qualifizierte Beschäftigte. Volkswirtschaften sind auf Kompetenzen angewiesen.
Bildung wird jedoch zu klein gedacht, wenn Menschen vor allem als Input eines Wirtschaftssystems betrachtet werden.
Ein junger Mensch, der eine berufliche Bildung beginnt, wird nicht einfach zur künftigen Arbeitskraft. Er entwickelt Wissen, berufliche Identität, Urteilsvermögen, Verantwortung und im besten Fall die Zuversicht, einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft gestalten zu können.
Deshalb sollte duale Bildung nicht lediglich als Instrument der Fachkräfteentwicklung verstanden werden, sondern als Teil einer umfassenderen menschlichen, institutionellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsarchitektur.
Arbeit ist mehr als wirtschaftliche Tätigkeit
Beschäftigung sichert Einkommen. Berufliches Leben kann aber auch Struktur, Anerkennung, soziale Verbundenheit, Selbstständigkeit und das Gefühl vermitteln, einen Beitrag zu leisten.
Die Fähigkeit, kompetent am Berufsleben teilzunehmen, kann auch die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe erweitern.
Kompetenz ist mehr als das Einüben einer einzelnen Aufgabe
Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen dem Anlernen einer isolierten Tätigkeit und der Bildung eines Menschen für einen Beruf.
Ausbildung sollte Menschen auf einen Beruf vorbereiten — und auf die Weiterentwicklung dieses Berufs.
Die besondere Stärke dualen Lernens
Der eigentliche Wert der Dualität entsteht nicht dadurch, dass zwei Adressen im Stundenplan stehen. Er entsteht aus der Beziehung zwischen den Lernorten.
Theorie ohne sinnvolle Anwendung kann abstrakt bleiben. Praxis ohne strukturiertes Lernen kann fragmentarisch bleiben.
Bildung als wirtschaftliche Infrastruktur
Ein funktionierendes Berufsbildungssystem kann einen wichtigen strukturellen Beitrag leisten, indem es Lernen mit beruflichen Anforderungen verbindet und die langfristige Entwicklung qualifizierter Menschen unterstützt.
Bildung als institutionelle Infrastruktur
Ein ausländischer Experte kann bei der Gestaltung eines Curriculums helfen. Eine externe Organisation kann Labore finanzieren. Ein Unternehmen kann Technologie bereitstellen. Nachhaltige Entwicklung beginnt jedoch dann, wenn nationale Institutionen die Handlungsfähigkeit erwerben, die Arbeit selbst fortzuführen.
Der eigentliche Erfolg internationaler Bildungszusammenarbeit ist nicht dauerhafte Abhängigkeit von externer Expertise. Es ist wachsende nationale Handlungsfähigkeit.
Bildung und gesellschaftliche Anerkennung
Ein starkes Bildungssystem sollte nicht jeden Menschen auf einen vermeintlich überlegenen Weg zwingen. Es sollte mehrere glaubwürdige Bildungswege und sinnvolle Brücken zwischen ihnen schaffen.
Berufliche Bildung sollte Türen öffnen — nicht Grenzen festlegen.
Die menschliche Dimension
Die Erfahrung, kompetent zu werden, kann verändern, wie ein Mensch sich selbst sieht.
Bildung kann Kompetenz, Zuversicht, Selbstständigkeit und berufliche Identität schaffen, ohne einen Menschen auf seinen Beruf zu reduzieren.
Mensch, Gesellschaft, Staat und Wirtschaft
Menschen gewinnen Kompetenz, Chancen und Anpassungsfähigkeit. Gesellschaft kann Teilhabe, Anerkennung und Inklusion stärken. Der Staat kann Institutionen, Kompetenzstrategien und Entwicklungskraft stärken. Die Wirtschaft kann qualifizierte Fachkräfte, Produktivität und Innovation gewinnen.
Über Fachkräfteentwicklung hinaus
Aufgabe von Bildung ist nicht nur, offene Stellen zu besetzen. Sie soll Menschen entwickeln, die ihren Beruf verstehen, auf Veränderung reagieren, verantwortlich handeln und mit Zuversicht am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Bildung schafft Kompetenz.
Menschlichkeit gibt ihr Richtung.
Verantwortung gibt ihr Bedeutung.
Duale Bildung ist bedeutsam, weil sie — gut gestaltet — Wissen und Handeln, Menschen und Chancen, Institutionen und Verantwortung sowie wirtschaftliche Entwicklung und menschliche Handlungsfähigkeit miteinander verbinden kann.
Und das ist erheblich mehr als Fachkräfteentwicklung.
